Von Rejhan Kavazbasic · 7 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 5. November 2026
Burn-in: Mythos oder echt?
Was sich in den ersten Wochen mit neuen In-Ears oder Kopfhörern verändert und was nicht, was Messungen zeigen und wie du selbst fair vergleichst.
Was man darüber hört
In Foren und Reviews liest du es ständig: Ein neuer Kopfhörer klingt anfangs scharf oder dröhnig, und nach einer Weile 'öffnet' er sich. Wie lange das dauern soll, reicht von ein paar Stunden bis zu Hunderten. Manche lassen ein neues Set tagelang rosa Rauschen spielen, bevor sie richtig hinhören.
Die Idee ist nicht abwegig. Ein dynamischer Treiber ist eine Membran, die an einer flexiblen Sicke hängt. Neue Materialien können anfangs etwas steifer sein, wie neue Schuhe. Die Frage ist nur, ob sich das hörbar ändert. Das kann man messen, und das wurde gemacht.
Was Messungen zeigen
Der bekannteste Test stammt von RTINGS. Sie nahmen vier neue Kopfhörer mit unterschiedlichen Treibern: den AKG Q701 und den Beyerdynamic DT 1770 (dynamisch), den Audeze LCD-2 Classic (Planar) und den Etymotic HF5 (ein In-Ear mit Balanced Armature). Jeder saß auf einem Messkopf in einer geschlossenen Box und wurde 120 Stunden lang nicht angefasst. Gespielt wurde immer wieder ein kurzer Sweep, dann 50 Minuten rosa Rauschen bei 90 dB und dann 10 Minuten Stille, mit Messungen zwischendurch. Ihr Fazit: kein Beleg für einen Einspieleffekt. Was sie maßen, war zu klein, um es zu hören.
Schon vorher hatte Tyll Hertsens von InnerFidelity etwas Ähnliches mit einem neuen AKG Q701 gemacht. Er maß ihn direkt aus der Verpackung und dann zu festen Zeitpunkten bis 90 Stunden. Er sah kleine Änderungen rund um die Bassresonanz des Treibers und bei den Verzerrungen, vor allem am Anfang. Sein eigenes Fazit war vorsichtig: Damit habe er nicht gezeigt, dass Einspielen existiert, und falls doch, sei der Effekt klein.
RTINGS sagt selbst, dass vier Kopfhörer kein Gesetz sind, und es gibt Tausende Modelle. Aber die Richtung ist klar. Wenn sich ein Treiber überhaupt verändert, dann wenig und vor allem in den ersten Stunden.
Schaumaufsätze und Ohrpolster
Werden weicher und geben nach. Abdichtung und Abstand zum Ohr ändern sich, und damit vor allem der Bass.
Dein Gehör
Gewöhnt sich an eine neue Klangbalance. Was anfangs scharf oder dünn wirkte, fällt nach ein paar Tagen weniger auf.
Dynamischer Treiber
Wenn sich etwas ändert, dann in den ersten Stunden und nur sehr wenig. In Messungen klein oder gar nicht zu finden.
BA-Treiber, DACs und Kabel
Keine Veränderung nachgewiesen.
Was sich wirklich ändert: Aufsätze und Polster
Vieles, was als Einspielen gehört wird, steckt nicht im Treiber, sondern in dem, was ihn an deinem Ohr hält.
- Schaumaufsätze sind anfangs steif. Nach ein paar Wochen sind sie weicher, dehnen sich schneller aus und dichten anders ab. Die Abdichtung bestimmt zu einem großen Teil, wie viel Bass du hörst. Nach ein paar Monaten nutzen sie sich ab, wie unser Ratgeber zu Ohrstöpseln erklärt.
- Ohrpolster von Kopfhörern geben nach. Der Treiber rückt näher an dein Ohr, und die Polster schließen anders ab. Dadurch verschiebt sich vor allem der Bass, manchmal auch der Hochton. Im Forum Audio Science Review nennt Solderdude, der selbst viele Kopfhörer misst, das als Erklärung für viele Einspielgeschichten.
- Silikonaufsätze verändern sich kaum. Klingen sie nach einer Woche anders, prüf zuerst, ob sie noch genauso tief sitzen wie am ersten Tag.
Neue Polster, neuer Anfang
Tauschst du Polster oder Aufsätze, beginnt das Weicherwerden und Nachgeben von vorn. Klingt ein vertrauter Kopfhörer mit neuen Polstern anders, dann hörst du genau das.
Dein Gehör gewöhnt sich
Die zweite Erklärung sitzt zwischen deinen Ohren. Jeder Kopfhörer und jeder In-Ear hat seine eigene Klangbalance. Am ersten Tag fällt eine Spitze im Hochton oder ein fetter Bass auf, weil du etwas anderes gewohnt bist. Nach ein paar Tagen ist das dein neues Normal. Viele merken es auch umgekehrt: Nimmst du nach einer Woche dein altes Set, klingt es eine Weile seltsam.
Das ist keine Einbildung. Du hörst wirklich etwas anderes. Nur liegt die Veränderung darin, wie du hörst, nicht im Gerät. Dazu ist dein Gedächtnis für kleine Klangunterschiede kurz. Einen Eindruck von letzter Woche mit dem zu vergleichen, was du jetzt hörst, ist deshalb schwierig.
Teil für Teil: geht das oder nicht?
| Teil | Ändert es sich mit der Nutzung? | Gut zu wissen |
|---|---|---|
| Dynamischer Treiber | Vielleicht ein wenig, in den ersten Stunden | In den Tests von RTINGS und InnerFidelity klein oder nicht hörbar. |
| Balanced Armature (BA) | Kein Hinweis | Ein winziger Anker zwischen Magneten treibt eine Mini-Membran an. Es gibt keine flexible Sicke, die sich lockern könnte. Der Etymotic HF5 im RTINGS-Test zeigte nichts. |
| Planar-Treiber | Kein Hinweis | Eine dünne Folie zwischen Magneten. Der Audeze LCD-2 Classic veränderte sich im RTINGS-Test nicht hörbar. |
| Schaumaufsätze | Ja | In den ersten Wochen weicher, nach ein paar Monaten abgenutzt. |
| Ohrpolster | Ja | Geben nach, wodurch sich Abdichtung und Abstand zum Ohr ändern. |
| DAC oder Verstärker | Nein | Keine beweglichen Teile. Geräte mit Röhren brauchen zwar ein paar Minuten zum Aufwärmen, aber das ist etwas anderes als Einspielen. |
| Kabel | Nein | Kupfer und Isolierung. Siehe unseren Ratgeber zu In-Ear-Kabeln. |
So gehst du vor
- Sorg zuerst für den richtigen Sitz. Probier alle Aufsatzgrößen, für jedes Ohr einzeln. Ein undichter Aufsatz kostet mehr Bass als jeder Treiber.
- Hör einfach deine eigene Musik bei deiner normalen Lautstärke. Damit spielst du das Set von selbst ein, soweit es etwas einzuspielen gibt.
- Lass kein rosa Rauschen mit hoher Lautstärke laufen. Es bringt nichts, was normales Hören nicht auch bringt, und belastet den Treiber unnötig. Wenn du es trotzdem machst, dann mäßig und nicht in deinen Ohren.
- Gib deinen Ohren eine Woche, bevor du urteilst. Bei uns hast du 30 Tage Rückgaberecht, die Woche passt also locker hinein.
- Vergleiche bei gleicher Lautstärke und wechsle schnell. Ein etwas lauteres Set klingt schnell 'besser', selbst wenn der Unterschied unter 1 dB liegt. Nimm kurze Musikstücke, die du gut kennst.
Gleiche Lautstärke
Willst du zwei In-Ears fair vergleichen? Rechne mit Wirkungsgrad und Impedanz aus, wie viel lauter der eine bei gleicher Lautstärkeeinstellung spielt. Wie das geht, steht in unserem Ratgeber zu Impedanz und Wirkungsgrad.
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